
Nach dem ersten Tag unserer Inselexkursion war eigentlich Schlafen angesagt. Eigentlich. Wer schon einmal mit einer Gruppe Jugendlicher unterwegs war, weiß allerdings, dass nach einem gemeinsam verbrachten Tag nachts unbedingt noch gemeinsam über den gemeinsam verbrachten Tag gesprochen werden muss. Ausführlich. Schlafen kann man schließlich auch noch morgen. Am nächsten Morgen wurde diese These von einigen Beteiligten stillschweigend zurückgenommen.
Mit entsprechend kleinen Augen besichtigten wir zunächst den Küstenort Skala Eresos und das dortige archäologische Museum. Übermüdet taumelten deutsche und griechische Kinder zwischen antiken Fundstücken – auch das gehört zur europäischen Bildungsreise. Anschließend ging es mit dem Bus in Richtung Agia Paraskevi. An den Salinen von Kalloni im Geopark Lesvos konnten wir echte Flamingos in freier Wildbahn und weitere besondere Vögel beobachten. Spätestens da gingen die Augen dann doch zwangsläufig wieder etwas weiter auf.
Nach einem Besuch des antiken Heiligtums von Messa widmeten wir uns einem weiteren wichtigen Aspekt griechischer Kultur: Gyros und Souvlaki. Im wunderschönen Petra wurde zunächst gegessen, bevor wir zur Felsenkirche Panagia Glykofilousa hinaufstiegen und die herrliche Aussicht über den Ort und das Meer genossen. Man hätte dort durchaus noch eine Weile bleiben können. Unser Busfahrer sah das anders. Mit einem erstaunlich ausdauernden und durchaus aggressiven Dauerhupen ließ uns der ansonsten ausgesprochen sympathische Herr wissen, dass seiner Meinung nach nun wirklich genug Aussicht genossen worden war. Das war insofern bemerkenswert, als wir morgens noch auf ihn hatten warten müssen, weil er in der Pension gern etwas länger schlafen wollte. Ausschlafen: ja. Aussicht: bitte zügig. Wir lernten dazu.
Weiter ging es nach Molyvos, wo ein längerer Aufenthalt genügend Zeit für unterschiedliche Interessen ließ. Ein Großteil der Gruppe packte sofort wieder die Badesachen aus und verschwand mit Herrn Asholt im Meer, andere widmeten sich dem örtlichen Einzelhandel und versorgten sich mit griechischen Koffeinspezialitäten. Drei tapfere Jungs zogen dagegen mit unserer griechischen Kollegin Sofia Spingou und Frau Wenzel zum Geocachen los. Was als harmlose Schatzsuche begann, führte die kleine Expedition plötzlich mitten in eine abgesperrte Ausgrabungsstätte. Archäologie hatten wir an diesem Tag also wirklich umfassend abgedeckt. Anschließend begegneten die fünf einer sehr alten Dame, die ihnen von ihrer ausgesprochen bewegten Piraten beinhaltenden Lebensgeschichte erzählte. Sie sei bereits gestorben und wiederauferstanden, berichtete sie. Damit hatte nun wirklich niemand von uns gerechnet. Zur Geocachingtour gab es also noch eine unverhoffte Portion spiritueller Erleuchtung dazu.
Am Strand wurden währenddessen die warmen herbstlichen Sonnenstrahlen genossen und zarte Freundschaftsbande geknüpft. Manche davon offenbar schon mit erheblicher emotionaler Tragweite. Es wurde geredet, gelacht und gemeinsam Zeit verbracht – und zunehmend unwichtiger, wer eigentlich aus welcher Schule und welchem Land kam.
Am Sonntag trafen sich fast alle Gastfamilien zu einem gemeinsamen Strandtag an der wunderschönen Bucht von Gera. Noch einmal Meer, Sonne und Zusammensein, bevor es anschließend auf den Fußballplatz ging. Dort zeigten zwei unserer griechischen Gastkinder, dass sie ziemlich ordentlich kicken können. Wir durften also auch die sportlichen Qualitäten unserer Gastgeber ausgiebig bewundern.
Der Montag begann offiziell: Nikos Giannakas, der für Tourismus zuständige Vizebürgermeister von Mytilene, begrüßte unsere Gruppe. Anschließend wurde die Inselhauptstadt bei einer Schnitzeljagd erkundet, bevor uns ein Besuch erwartete, der auf ganz andere Weise Eindruck hinterließ.
Wir besuchten die Organisation Synyparxi, deren Name „Zusammenleben“ bedeutet. Die 1998 gegründete Bürgerinitiative engagiert sich seit fast 30 Jahren für Geflüchtete, gegen Rassismus und für ein friedliches Miteinander. Sie unterstützt Menschen im Alltag und schafft durch Bildungsangebote, gemeinsame Aktivitäten und Begegnungen Möglichkeiten zur Teilhabe. Bei unserem Besuch erfuhren wir insbesondere von ihrer Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die zum Teil im Alter unserer Schülergruppe sind.
Flucht gehört dabei auch zur Geschichte von Lesbos selbst. 1922 erreichten zahlreiche Menschen aus Kleinasien die Insel, unter anderem aus Smyrna, dem heutigen Izmir. Sie hatten ihre Heimat verloren und suchten Schutz auf der anderen Seite der Ägäis. Die Erfahrung von Flucht und Neuanfang ist damit auch Teil der Geschichte vieler Familien auf der Insel.
Uns hat sehr bewegt, mit welcher Ausdauer und Menschlichkeit sich die Menschen bei Synyparxi engagieren. Während unsere Jugendlichen eine Woche voller neuer Eindrücke und Freundschaften erleben durften, benötigen Gleichaltrige vor Ort Unterstützung unter ganz anderen Voraussetzungen.
Wir möchten deshalb ausdrücklich um Unterstützung für Synyparxi bitten. Wer etwas beitragen möchte, kann an folgendes Konto spenden:
Empfänger: Synyparxi
Bank: Piraeus Bank
IBAN: GR07 0171 3550 0063 5513 8560 788
Verwendungszweck: Gymnasium im Loekamp
Die Kontoverbindung findet sich auch auf der Spendenseite der Organisation.
Am Dienstag stand schließlich unser letzter gemeinsamer Schultag an. Eine Information, die wir gern noch etwas länger verdrängt hätten. Zunächst backten wir gemeinsam köstliche Tiropitakia, kleine griechische Käsetaschen. Anschließend besuchte uns die Upcyclingkünstlerin Gioula Koutsobou. Mit ihr gestalteten wir aus alten Kleidungsstücken zwei Engelsflügel: einen für das Gymnasium Geras und einen für das GiL. Sie sollen die Freundschaft, die Freude und die Liebe symbolisieren, die unsere gemeinsame Zeit hat entstehen lassen. So bleibt etwas von uns in Pappados, und etwas von Pappados kommt mit nach Marl.
Abends wurde im Rahmen der Erasmus Days im Gemeindehaus von Pappados Abschied gefeiert. Eine Tanzgruppe zeigte uns griechische Tänze, die wir anschließend selbst auf der Bühne zum Besten gaben. Wir zeigten dabei viel Einsatz und durchaus unterschiedliches Talent, aber darauf kam es nun wirklich nicht an.
Mit Herzlichkeit und Dank wurden wir überschüttet und außerdem reich beschenkt: Alle deutschen Kinder erhielten die Tasse, die ihre griechischen Austauschpartner am ersten gemeinsamen Schultag für sie gestaltet hatten. Dazu kamen wunderschöne Geschenke aus der Region – handgemachte Olivenseifen, Honig, Süßigkeiten und Ouzo –, die der Elternbeirat der Schule gestiftet hatte. So viel Großzügigkeit und Mühe haben uns sehr berührt.
Leider musste der Abend wegen anhaltender Unwetter etwas früher beendet werden. Das Wetter lieferte damit bereits die passende Kulisse für das, was nun folgte: Tränen, feste Umarmungen, gebrochene Herzen, erste Lieben und griechisches Drama. Davon reichlich. Aus den anfangs noch fremden Gastkindern waren Menschen geworden, die man jetzt auf gar keinen Fall wieder hergeben wollte.
Am nächsten Morgen ging es am Flughafen nahtlos weiter. Es wurde geweint, gedrückt und noch einmal fester gedrückt. Die emotionale Lage war so angespannt, dass unsere Schülerinnen und Schüler auf dem Abschiedsfoto sogar die griechische Flagge falsch herum hielten. Im Herzen alles richtig, mit der Flagge kurz schwierig.
Und bei all dem Abschiedsschmerz möchten Herr Asholt und Frau Wenzel auch eines ganz deutlich sagen: Wir sind sehr stolz auf unsere Schülerinnen und Schüler und auf den Verlauf dieser Fahrt. Darauf, wie offen sie sich auf ihre Gastfamilien und die gemeinsame Zeit eingelassen haben. Darauf, wie sie miteinander umgegangen sind. Und darauf, was innerhalb dieser wenigen Tage zwischen den Jugendlichen gewachsen ist. Das mitzuerleben, war für uns etwas Besonderes. Dafür nehmen wir auch die etwas kürzeren Nächte immer wieder gern in Kauf.
Es war mittlerweile unsere fünfte Fahrt nach Griechenland (u.a. Preveza, Kavala, Panorama/Thessaloniki). In der Regel besuchen wir dabei in jedem Jahr eine andere Schule. Trotzdem hat es uns dieses Mal so exorbitant gut gefallen, dass wir noch vor Ort beschlossen haben: Auch im kommenden Jahr geht es wieder nach Pappados! Die Planungen für den nächsten Austausch sind bereits gestartet. Und es ist sogar im Gespräch, dass der ein oder andere Loekämper für eine Individualmobilität erneut nach Lesbos reisen wird.
Zum Glück müssen wir auf das nächste Wiedersehen gar nicht so lange warten. Bereits Ende November kommen unsere griechischen Austauschpartner zu uns nach Marl, um unsere Vorweihnachtszeit zu erleben. Wobei Weihnachtsstimmung offenbar nur einen Teil der Vorfreude ausmacht: Die griechische Delegation will im Dortmunder Stadion ganz viele Karetsas-Trikots kaufen.
Ein riesiges Dankeschön geht an unsere griechischen Kolleginnen und Kollegen, vor allem an die Koordinatorin Sofia Spingou und die Schulleiterin Katerina Karagianni, die Gastfamilien, den Elternbeirat und alle, die diese Woche möglich gemacht haben. Wir bedanken uns für die offenen Türen, das gemeinsame Lachen und dafür, dass wir uns so willkommen fühlen durften.
Jetzt sind wir dran. Wir freuen uns auf euch – und bis November üben wir das noch einmal mit der Flagge. 🇬🇷










































